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 Lesezeit mit Schachmeister Mietek Bakalarz
„Schach ist Jogging für das Gehirn"
von Raymond Flammant

Mietek Bakalarz und seine Frau Grazyna stammen aus Polen. Beide sind Fide1 - Schachmeister. Sie sind 1987 nach einem internationalen Turnier in Den Haag nicht mehr in ihre Heimat zurückgekehrt. Nach einem zwölfjährigen Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland hat es sie nach Luxemburg gezogen. Seit 1999 leben sie mit ihren beiden Töchtern - Janet, 12 Jahre, und Bianca, 7 Jahre - in Biwer. Eine Familie, die ausnahmslos vom Schachvirus befallen ist. Mietek, heute 43 Jahre alt, gehörte in den achtziger Jahren zu den zwanzig besten Spielern Polens, eine durchaus ansehnliche Leistung, wenn man die historische Spielstärke der osteuropäischen Länder kennt. Heute ist er hauptberuflicher Schachlehrer, spielt aber noch für den Verein von Differdingen. Seine Frau spielt für Beles sowie für die Bundesligamannschaft von Essen-Holstershausen; in diesem Jahr hat sie mit der Mannschaft von Nordrhein-Westfalen die deutsche Damenmeisterschaft gewonnen. Die älteste Tochter Janet wird Luxemburg in der U12-Altersklasse im Herbst bei den Weltmeisterschaften in Griechenland vertreten, während Nesthäkchen Bianca sich auch schon eifrig auf höhere Aufgaben vorbereitet: durch das Lösen von Aufgaben in russischen Schachbüchern für Grundschüler, die der Papa für sie übersetzt.

Demnach keine Überraschung: Mietek Bakalarz hat ein Schachbuch für Sie ausgesucht: „Das erstaunliche Schachspiel" 2 von Gareth Williams/Rudolf Teschner.

Lesezeit: Herr Bakalarz, bevor wir zu der Besprechung des Buches kommen: Sie dürften der einzige Einwohner unseres Landes sein, der sein tägliches Brot als Schachlehrer verdient?

Mietek Bakalarz: Jedenfalls ist mir kein hauptberuflicher „Kollege" in Luxemburg bekannt. Ich bin Schachtrainer des Jugendkaders von Luxemburg und von Rheinland/Pfalz und unterrichte ebenfalls in Deutschland an Grundschulen, Realschulen und Gymnasien. Außerdem bin ich Spielertrainer beim hiesigen Verein von Differdingen, was mir erlaubt, noch regelmäßig Wettkämpfe zu spielen.

"Schach ist eben mein Leben"

Ich bestreite aber kaum noch größere Turniere im Ausland. Mit dreiundvierzig kann man nicht mehr ganz oben spielen: Die geistige Spannkraft fängt an nachzulassen, außerdem erlauben es mir meine vielfältigen Traineraufgaben nicht mehr, mich konsequent auf anspruchsvolle Turniere vorzubereiten.

Lesezeit: Auf Grund Ihres Werdeganges und Ihrer Persönlichkeit erübrigt sich wohl die Frage, weshalb Sie ein Schachbuch ausgewählt haben.

Mietek Bakalarz: Schach ist eben mein Leben. Das bedeutet aber nicht, dass ich nebenbei nicht noch andere Interessen hätte. So bin ich zum Beispiel ein begeisterter Heimwerker, aber Schach hat für mich seit meiner frühesten Kindheit einen besonderen Stellenwert. Ich habe ein interessantes Schachbuch ausgewählt, weil ich hoffe, auf dem Weg ein paar zusätzliche Menschen für dieses einzigartige Spiel zu gewinnen.

Lesezeit: Wie ist es denn Ihrer Meinung nach in Luxemburg um den Schachsport bestellt?

Mietek Bakalarz: Meine Frau und ich spielen beide in luxemburgischen Vereinen. Es gibt hier durchaus talentierte Spieler, auch unter den Jugendlichen. Der diesjährige Landesmeister Pierre Gengler ist ja erst 22 Jahre alt. Aber Schach bleibt nicht von Nachwuchssorgen verschont wie andere Sportarten auch. Einige traditionsreiche Vereine werden wohl oder übel in absehbarer Zukunft fusionieren müssen. Am meisten Sorgen bereiten mir aber die mangelnde Förderung und Anerkennung des Schachsports in unserem Land. Trotz äußerster Sparsamkeit bewegt sich der Verband dauernd am Rande des finanziellen Abgrundes. Wir haben nur einen einzigen Großmeister, Alberto David, und wir schaffen es nicht, ihm seine Unkosten für eine Teilnahme an Europameisterschaften integral zurückzuerstatten. Ebenso fehlt das Geld, um den Kindern, die im Oktober an den Weltmeisterschaften in Griechenland teilnehmen, die Fahrtkosten und das Startgeld zu bezahlen. Dies wirkt nicht gerade motivierend auf die wenigen Nachwuchsspieler, die wir noch haben. Auch in punkto Anerkennung ist der Schachsport nicht gerade verwöhnt: Als Alberto David 2002 bei der Schacholympiade eine Silbermedaille gewann, wurde er nicht einmal als Kandidat für die Wahl zum Sportler des Jahres berücksichtigt.

„Das von mir vorgeschlagene Buch ist ein ,Schnupperbuch"

Lesezeit: Beim Schach als Freizeitbeschäftigung dürfte es nicht viel besser aussehen?

Mietek Bakalarz: Wenn ich die Schachpraxis in Luxemburg mit Ländern vergleiche, die ich sehr gut kenne, etwa Polen, Deutschland und auch Frankreich, sieht es auch nicht sehr gut aus. Ich verfüge nicht über Zahlen, aber in meinem tagtäglichen Bekanntenkreis gibt es eigentlich sehr wenige Menschen, die in ihrer Freizeit gelegentlich Schach spielen. Dies gilt für Kinder, Erwachsene und auch ältere Menschen.
Dabei sind Kinder durchwegs vom Schachspiel fasziniert. Und ganz nebenbei werden eine Reihe von Fertigkeitenspielend gefördert, wie Konzentration, die Fähigkeit gegebene Situationen zu analysieren, zwischen mehreren Entscheidungsalternativen abzuwägen, um dann die vermeintlich optimale Lösung in die Praxis umzusetzen. Das sind Fragen, wie sie das Leben tagtäglich an uns stellt. Viele dieser praxisbezogenen Fähigkeiten vermittelt die Schule nur unzureichend, wie es die PISA-Studie gezeigt hat. Meiner Meinung nach ist es wirklich schade, dass Kinderschach bei uns nicht aktiv gefördert wird.

Lesezeit: Das von Ihnen ausgewählte Buch richtet sich aber nicht an Kinder

... Mietek Bakalarz: Nein. Idealerweise sollten Kinder aus didaktischen Gründen von erfahrenen Schachlehrern betreut werden. Das von mir vorgeschlagene Buch ist ein „Schnupperbuch" und wendet sich eher an Jugendliche, an Erwachsene und insbesondere an ältere Menschen. Schach ist Jogging für das Gehirn. Warum sollten ältere Menschen z. B. bei ihren wöchentlichen Treffen nicht mal eine Partie Schach spielen? Dieses Spiel kann man in jedem Alter erlernen. Heute versucht man Senioren einzureden, sie müssten unbedingt auf dem Internet surfen, um „cool" zu sein. Nichts gegen Surfen, aber Schach trägt mit Sicherheit mehr dazu bei, geistig fit zu bleiben, als das Internet. Und es ist noch spannend dazu.

Lesezeit: Dabei könnte man beides -Schach und Internet - sogar miteinander verbinden...

Mietek Bakalarz: Mit einigen Abstrichen, ja. Im Internet wird zwar sehr viel Schach gespielt. Wenn ich mich mal morgens früh um zwei ins Internet einklinke, laufen da sehr oft noch über tausend Partien. Meistens allerdings Schnellpartien. Nichts für Anfänger, also.

Lesezeit: Zurück zu dem Buch. Inwiefern unterscheidet es sich von herkömmlichen Schachbüchern?

Mietek Bakalarz: An erster Stelle ist es die Aufmachung, die sich wohltuend von herkömmlichen Schachbüchern unterscheidet. Das richtige Aufstellen des Brettes und der Spielsteine sowie deren Bewegungsmöglichkeiten werden anhand von farbigen, dreidimensionalen Schachdiagrammen anschaulich dargestellt. Auf die gleiche Weise werden die Schachregeln erläutert, und es gibt erste Hinweise zur Schachtaktik wie Gabeln, Spieße, Fesselungen, Opfer, Abzugsschach, Überlastung von Figuren usw.

„Ohne natürlich den legendären Bobby Fischer zu vergessen ..."

Der zweite große Vorzug des Buches besteht in der lockeren, lebendigen Art, mit der das Schachspiel erläutert wird. Ich denke da besonders an die vielen kleinen und leichten Übungsaufgaben, die dem Leser helfen, das theoretische Wissen auf eine einfache Art und Weise praktisch umzusetzen. Ohne Zuhilfenahme eines Schachbrettes.
Ein weiterer Teil des Buches befasst sich mit den vorzüglich kommentierten Grundgedanken der Eröffnung und des Endspiels. Und das auch in der schon erläuterten anschaulichen, fast spielerischen Art.

Lesezeit: In der Tat, in diesen beiden Hinsichten hebt sich das Buch von den klassischen Schachbüchern ab, die Anfänger oft mit Unmengen von zweidimensionalen, schwarzweißen Diagrammen und mit trockenen Ausführungen eher abschrecken denn beflügeln.

Mietek Bakalarz: Ein weiterer Grund, weshalb mir dieses Buch besonders gefällt, ist die Einbeziehung von dem historischen Umfeld, wie Ursprung und Entwicklung des Spiels und der Steine über die Jahrhunderte, inklusive einiger sehr schöner Photos . von alten, wertvollen Schachfiguren. Sozusagen als Prämie gibt es dann einen abschließenden Teil mit einer Vielzahl von sehr lebendig geschriebenen Porträts der großen Meister sowie mit Auszügen aus ihren bekanntesten Partien: von Philidor, Morphy und Capablanca bis hin zu Karpow und Kasparow. Ohne natürlich den legendären Bobby Fischer zu vergessen ...

Damit das Schachspiel in unserem Lande vielleicht wieder etwas Auftrieb bekommt!

Lesezeit: Bobby Fischer! Auch heute noch kann es keine Diskussion über Schach oder ein Schachbuch geben, ohne dass dieser mythische Name fällt.

Mietek Bakalarz: Bobby Fischer ist eben der größte Schachspieler aller Zeiten. Dass dieses Schachgenie dazu noch ein unsäglicher Exzentriker ist, hat ihn zum Mythos werden lassen. Es bleibt aber auch die Tatsache, dass keiner vor ihm und nach ihm ein solch weltweites Interesse für das Schachspiel geweckt hat wie gerade er. Dass er außerdem - wie später Garry Kasparow - sehr viel für die Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen der professionellen Schachspieler getan hat, wird ebenfalls sein dauerhaftes Verdienst bleiben.

Lesezeit: Apropos: Wissen Sie eigentlich, wo Bobby Fischer ist? Er ist ja gänzlich von der Bildfläche verschwunden. Vor kurzem wurden seine wenigen Habseligkeiten, aber auch seine wertvollen Schachbücher in den USA zwangsversteigert. Weil er seine Miete nicht bezahlt hat...

Mietek Bakalarz: In den USA ist er mit Sicherheit nicht. Dort droht ihm nämlich immer noch eine Haftstrafe, weil er 1992, trotz einer offiziellen Boykottverordnung seines Landes, im Milosevic Jugoslawien einen Revanchekampf des legendären „Wettkampfs des Jahrhunderts" von 1972 in Reykjavik gegen Boris Spassky bestritten hat. Ich weiß, dass er mehrere Jahre in Ungarn gelebt hat. Inkognito, natürlich. Aber da ist er nicht mehr. Er könnte seit einiger Zeit in Japan sein: die Liebe zu einer zierlichen, japanischen Schachmeisterin, heißt es. Jedenfalls hat er eine Emailadresse in Japan. Was aber noch nicht unbedingt heißen muss, dass er sich auch tatsächlich dort aufhält. Er ist übrigens im März dieses Jahres 60 Jahre alt geworden. Anscheinend trägt er einen Vollbart und hat sich ebenfalls ein ansehnliches Bäuchlein zugelegt.

Lesezeit: Die Spannung über das Verbleiben von Bobby Fischer bleibt uns also erhalten. Aber noch einmal zu „Ihrem" Buch: Welches ist Ihr abschließendes Urteil?

Mietek Bakalarz: Ein schönes, hervorragend aufgemachtes Buch für Schachlaien, das an erster Stelle durch seine moderne Graphik gefällt. Eine anschauliche, interessante Einführung in das Universum des Schachspiels. Demnach kein herkömmliches Lehrbuch, sondern eher ein Appetitanreger. Ein Buch, dem ich viele Leser wünsche. Damit das Schachspiel in unserem Lande vielleicht wieder etwas Auftrieb bekommt!

Lesezeit: Dieses Anliegen brennt Ihnen förmlich auf den Nägeln, nicht wahr?

Mietek Bakalarz: So ist es. Luxemburg, ein hoch entwickeltes Land mit einem ausgedehnten Dienstleistungs und Bankensektor, sollte wirklich mehr sein als ein „Schachentwicklungsland". Aus den oben erwähnten erzieherischen Gründen und vielleicht auch wegen der internationalen Imagepflege.

Ich habe einen Traum ...

Lesezeit: Einige Idealisten, unterstützt von der Stadtverwaltung und privaten Sponsoren, haben vor ein paar Jahren in Mainz ein großes internationales Schachturnier ins Leben gerufen. Könnte ein solches Unterfangen bei uns etwa ein Ansporn sein?

Mietek Bakalarz: Durchaus. Das „Chess Classic" von Mainz zählt heute schon zu den bekanntesten Turnieren der Welt, wie Linares in Spanien und Wijk-aan-Zee in Holland. Im nächsten August treffen dort u. a. die zehn derzeit besten Schachspieler der Welt aufeinander. Auch Amateure sind zugelassen. Die Mainzer wollen ein wirkliches Schächsport- und Schachvolksfest. Übrigens, Bobby Fischer ist auch eingeladen.

Ein solches Turnier könnte z. B. erheblichen Einfluss auf das Schach als Breitensport haben. In Frankreich hat der letzte Weltmeisterschaftskampf von 1990 zwischen Kasparow und Karpow, der teilweise in Lyon ausgetragen wurde, einen regelrechten Schachboom ausgelöst. Die Zahl der französischen Großmeister ist seitdem von 10 auf rund 100 angestiegen.

Deutschland dagegen, ein traditionsreiches Schachland, hat z. Z. nur etwa 45..Natürlich wurde auch in Frankreich viel Arbeit auf dem Terrain geleistet: Die meisten Kulturzentren des Landes bieten inzwischen einen separaten Raum für das Schachspielen an. Größere Städte stellen Schachlehrer ein, um etwa Jugendliche dort zu unterrichten. Dies hat in Problemvierteln natürlich auch eine wichtige soziale Komponente.

Lesezeit: Könnte sich hier nicht auch der luxemburgische Schachverband etwas stärker engagieren? Zum Beispiel durch Schaukämpfe, Schachdemos in den Schulen oder auch die Organisation von Simultanspielen in den verschiedenen Orten des Landes, wobei sich Kinder und Jugendliche sowie lokale Freizeitspieler mit den besten Spielern des Landes, wie etwa dem Landesmeister, messen könnten? Das kann doch keine Unsummen kosten ...

Mietek Bakalarz: Alle Wege führen nach Rom. Auch die bescheidensten. Hauptsache, es passiert etwas. Ich glaube besonders an die Zukunft des Kinder- und des Seniorenschachs. Nur muss man auf diese Menschen zugehen. Von alleine werden sie nicht zum Schachspiel kommen. Dazu braucht es vor allem viel Einsatz, Idealismus und in letzter Instanz auch etwas öffentliche Unterstützung und Anerkennung.

Ich habe einen Traum ... Wenn mein Haus fertiggestellt ist, werde ich einen größeren Raum als bescheidenes Schachzentrum einrichten und alle Interessenten der Umgegend bitten, mal bei Gelegenheit vorbeizuschauen. Softdrinks und kleine Imbisse wird es auch geben. Mal sehen, wie sich die Sache dann entwickeln wird.

Lesezeit: Herr Bakalarz, viel Glück bei der Verwirklichung Ihres Traumes. Und für heute, recht herzlichen Dank für dieses Gespräch.

1 Föderation internationale des echecs.
2 Gareth Williams/Rudolf Teschner: Das erstaunliche Schachspiel - Spielend lernen - Tips und Tricks - Mit vielen Illustrationen und spannenden Beispielen. Großformat, 125 Seiten (Edition Olms, Zürich; Praxisschach, Band 26, ISBN 3-283-00332-7), 20,95 €